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Ahoi! ( Teil 1 )


„Da vorne liegt sie, die MS Moania, die Königin der Meere!“ verkündete Gregor Mann gutgelaunt, als er in Urlaubstimmung aus dem vollgepackten Touristenbus stieg und dabei die frische Seeluft im Hafen von Casablanca einhauchte. Dichtgefolgt sortierte sein Bruder Christian noch sein Handgepäck, bevor er seine Sonnenbrille auf dem Gesicht richtete und dann auch seinen Blick auf die wartenden Kreuzfahrtschiffe fixierte und dabei vor allem den direkt vor ihnen liegenden Cruiser begutachtete. „Königin der Meere? Na, der Pott dort drüben hat bestimmt mehr Anspruch auf den Namen,“ stellte Christian daraufhin fest, der dann abermals zu seiner kleinen Reisetasche, die er über seine linke Schulter trug, griff, da er mit dem Verschließen des Reißverschlusses noch nicht zufrieden schien: „Mein Gott nochmal, hätte ich bloß die andere Tasche genommen. Der Reißverschluss raubt mir den letzten Nerv!“

„Bleib doch ganz geschmeidig, Little Brother! Wir sind im Urlaub. Komm, zeig mal, wo klemmt’s denn?“ sprang Gregor hilfreich zur Seite und löste im Nu das Problem: „Zack und zu! Also, können wir jetzt?“

„Klar! Ich bin fertig! Hey, wo willst du hin?“ fragte Christian irritiert nach, da sein älterer Bruder sich gehorsam einer größeren Touristengruppe anschloss. „Aufs Schiff, wohin sonst?“ erwiderte der dunkelhaarige Mann, dessen welligen Haare mal wieder bis tief in den Nacken reichten. „Ja klar aufs Schiff, aber hast du nicht eben noch auf den Kahn dort gezeigt? Wieso jetzt auf diesen großen Kutter?“ verlor der gelernte Pferdewirt allmählich die Übersicht bei der ungebändigten Menschenmenge und den heranrauschenden Taxen und Bussen, die sich auf dem Anlieger tummelten.

„Ich habe nicht gezeigt, ich habe von dem Schiff gesprochen. Siehst du? Da oben steht doch ganz deutlich in unübersehbaren Buchstaben MS Moania. Wo bist du denn nur mit deinem Kopf heute?“ behielt Gregor im Gegenzug aber die Nerven, woraufhin Christian protestierte: „Mann, du hast mir gestern Mittag Bescheid gesagt, dass ich für Luise und deine Kinder einspringen soll, im Eilverfahren habe ich meine nötigsten Sachen gepackt, dann sind wir über Nacht hier runtergeflogen, das Frühstück im Hotel war eine Zumutung, und du verlangst, dass ich noch halbwegs einen Plan habe?“

„Eine bisschen mehr Spontanität würde dir auch gut zu Gesicht stehen, also gib jetzt nicht mir die Schuld. Ich dachte du freust dich, dass ich dich kostenlos mitnehme, praktisch als dein Geburtstagsgeschenk. Du wirst schließlich nur einmal im Leben 30, mein Lieber,“ konnte Gregor Christians Gezicke überhaupt nicht nachvollziehen. Der ehemalige Boxer wollte sich allerdings nicht so einfach abfertigen lassen und legte ohne Rücksicht auf die anderen Menschen, die in freudiger Erwartung auf dem Weg zum Schiff marschierten, nach: „Danke fürs Erinnern. Wenn Luise und deine Kinder nicht die Magen – und Darmgrippe bekommen hätten, wärst du doch nie auf die Idee gekommen mich mit auf eine vierzehntägige Kreuzfahrt zu nehmen. Aber gut, feiern wir zwei gemütlich nächste Woche auf dem Hauptdeck unter den Sternen auf den Weltmeeren meinen Geburtstag. Ehrlich gesagt, mit einem Outdoor – Camping in der Wildnis hättest du bei mir stärker punkten können.“

„Mein Gott, nun mach doch nicht so einen Aufriss! Luxus kann doch auch mal ganz prickelnd sein. Lass uns doch einfach relaxen, die Sonne genießen oder wir machen ein paar nette Ladies klar und haben vierzehn Tage Spaß, bei was auch immer! Hört sich das für dich jetzt akzeptabel an?“ setzte der ältere der Brüder sich ein verbindliches Lächeln auf, woraufhin Christian abrupt stehenblieb: „Geht’s noch? Ich dachte, du wärst glücklich mit Luise?“

„Och Mann, Christian, bitte, das war bildlich gemeint. Jetzt pantomime hier nicht den Moralapostel! Hauptsächlich geht es doch um dich! Komm, seit deine Coco vor einigen Jahren nach Goa ging, ist bei dir doch nichts mehr erfrischendes gelaufen, oder habe ich was verpasst?“ spielte Gregor auf Christians Liebesleben an, welches tatsächlich nicht von großartigen Höhepunkten überzeugen konnte, wie auch der Jüngere der Beiden zugab: „Es hat sich eben noch nichts passendes ergeben. Ich habe mich voll auf meine Ausbildung als Pferdewirt konzentriert!“

„Die mittlerweile über zig Jahre erfolgreich beendet wurde und als Ausrede wohl nicht unbedingt herhalten kann. Also, ab jetzt nur noch lächeln und wir werden dir bestimmt eine wunderbare, bezaubernde Wassernixe angeln. Oder darf es vielleicht eher ein zackiger Leichtmatrose sein?“ verschrieb Doktor Gregor ein Wundermittel gegen schlechte Laune, was Christian allerdings erneut auf die Palme brachte: „Du redest manchmal so eine Scheiße, Gregor Mann!“

„Ahoi Jungs! Wie ist die Lage? Wieder nur wohlhabende Rentner wie auf der letzten Tour? Da ging ja gar nichts! Selbst die Makrelen in meinem nährhaften Fischsalat hatten mehr Sexualleben!“ erkundigte der Schiffskoch Emilio Sanchez sich bei seinen beiden Kumpels Oliver Sabel und Rafael Velasquez, die beide als Steward auf diesem Schiff angeheuert hatten und jetzt von einem der oberen Decks über der Rehling hingen und neugierig die neuen ankommenden Gäste in Augenschein nahmen.

„Ich kann sie immer noch nicht entdecken?“ meinte derweil Olli, der mit seinen grünen Augen alles abgraste, was sich in diesem Hafen von Marokko bewegte. Nachdem Emilio Rafael fragend anstarrte, übernahm der Spanier die Erklärung: „Olli wartet auf seine Tante und seine Cousine aus Düsseldorf. Die wollten eigentlich heute an Bord gehen.“

„Ach ja, interessant! Und wie ist deine Cousine so? Die Tante könnt ihr übrigens getrost behalten. Moment mal, ist das die Tante mit dem Nobel – Restaurant in Deutschland, von der du immer erzählt hast? Klar ist das die Tante! Olli, kannst du mir da was klarmachen? Wenn ich den Rest meines Lebens unten in der Kombüse Kartoffeln schälen und Scampies frittieren muss, werde ich noch irre. Zwiebeln und Salatgurken schälen hängt mit allmählich auch zum Hals raus. Ich brauche endgültig eine neue Lebensaufgabe. So ein exklusives Nobelbistro würde voll in mein Konzept passen,“ witterte der südamerikanische Aushilfskoch die Chance seines Lebens.

„Was willst du allein in Düsseldorf? Das hier ist die große Welt, vor allem unsere Welt. Du willst Raffi und mich doch wohl nicht alleine weiter durch die Häfen reisen lassen?“ verlangte Olli indirekt einen gewissen Zusammenhalt, den die drei Freunde sich schon lange auf diesem Schiff gaben. „Okay, okay, wenn wir wirklich mal gehen sollten, dann gehen wir zusammen von Bord, das haben wir uns ja geschworen! Aber ihr wisst schon noch, dass wir drei an diesem Abend in Lissabon uns ganz schön einen getankt hatten? Der Kessel war bis zum Anschlag voll. Ich weiß bis heute nicht, wie ich wieder aufs Schiff gekommen bin,“ erinnerte Emilio die beiden Kumpels an das große verbündete Saufgelage vor fast einem Jahr in einer portugiesischen Hafenbar. „Geschworen ist geschworen! Wenn wir uns nicht helfen, wer hilft uns dann?“ blieb auch Rafael auf der Welle der ewigen Freunde, auch wenn jeder von ihnen wusste, dass eines Tages ihre Wege in verschiedene Himmelsrichtungen verlaufen könnten.

„Okay Jungs! Dann konzentrieren wir uns auf diese Fahrt! Also mal wieder ein wirrer Haufen da unten, wie ich feststelle. Olli, ich finde ja, du bist mal wieder an der Reihe. Deine Tante wird schon anrauschen. Guck mal lieber darunter! Was hältst du denn von den beiden Zuckerstangen da unten?“ spielte Emilio den Scout für unterhaltsame lange einsame Nächte auf See. „Wo?“ hakte Olli nach, der immer noch seine Augen auf die Suche nach seinen Besuch aus Düsseldorf offen hielt.

„Na, da unten, Schnuckelbärchen! Direkt vor der Gangway! Ich sag’s ja, du weißt gar nicht mehr, wie ein Mann aussieht. Wie lange ist dein letzter Kajüten – Schnickschnack jetzt her?“ powerte Emilio seine Jungs weiter auf die nächsten Abenteuer ein. „Okay, zugeben beide nicht übel, aber Mann, wo bleiben Charlie und Olivia nur? Das Schiff legt in einer halben Stunde ab!“ konnte Olli sich jetzt wirklich nicht auf hereintrudelndes und auch verbotenes Freiwild konzentrieren, da auf dem Schiff zwischen Personal und den Reisegästen eine gewisse strikte Distanz verordnet wurde.

Nochmal schaute Oliver dann nach rechts, wo er letztendlich erlöst wurde, als zwei weibliche Gestalten, die ihm mehr als bekannt vorkamen und seit Jahren gefehlt hatten, aus einem Taxi stiegen: „Yes! Da sind sie. Ich muss runter, Jungs! Checkt ihr weiter die süßen Prinzen und Prinzessinnen und sonstigen Früchtchen!“

Im Eiltempo flitzte Olli dann durch die Gänge der Decks, nahm lieber die große Treppe als die vollen Aufzüge und schien nicht mehr zu halten.

„Tja Junge, letzte Ausfahrt vor deinem Abenteuer auf See oder willst du jetzt noch kneifen?“ hakte Gregor scherzhaft nach, wobei er seinem Bruder verbindlich auf die Schulter klopfte. „Das könnte dir so passen. Ich habe lieber ein Auge auf dich!“ ermahnte Christian daraufhin, der sich dann umdrehte und seine Sonnenbrille in die Hände nahm, um über die Gangway aufs Schiff zu gelangen, wo er ohne UV - Schutz auftreten wollte. Allerdings wusste er in diesem Moment nicht so schnell, wohin er mit seiner Brille sollte. Bevor er sich entscheiden konnte, spürte er dann einen Rempler und musste miterleben, wie seine neues modernes Brillenmodell auf den Metallboden der Gangway knallte, da er sie bei dem unsanften Zusammenprall aus seinen Händen verlor.

„Sorry!“ brachte ihm noch der junge dunkelhaarige Mann, der aus dem Schiff gerannt kam und offensichtlich zur Crew gehörte, im Vorbeifliegen entgegen, doch Christian konnte nicht anders als dem Typen seinen Verlust anzukreiden: „Mann, du blinder Trottel, kannst du nicht aufpassen? Meine schöne neue Sonnenbrille!“

Oliver drehte sich wegen der aufgebrachten Meckerei lieber nochmal zu dem Gast um und beobachtete dann Stück für Stück, wie der mittelblonde Mann mit dem Dreitagebart und einer Reisetasche auf dem Rücken sich langsam aus der Hocke vom Boden erhob und dabei dessen Sonnenbrille in zwei Teile in seinen Händen hielt.

Für einen Moment blieb Olli stumm, ließ nur seine Augen alles, was sich aufzufangen lohnte, registrieren, schien fast sein Vorhaben hier unten auf dem Anlieger zu vergessen. Dann merkte er aber, dass sein Gegenüber zum nächsten Zurechtweisen ansetze, dem Olli allerdings zuvorkam: „Du kannst den Schaden gerne an der Info melden. Sage meinen Kollegen einfach, der Olli war es! Es steht schon mehr auf meinem Sündenkonto. Da kommt es auf einen Verweis mehr oder weniger nicht an. Aber ehrlich gesagt, wozu brauchst du eine Sonnenbrille? Warum willst du deine schönen blauen Augen hinter den dunklen Gläsern verstecken?“
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