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Am Ende bleibt eine neuer Anfang Teil 1 „Sieben Tage“


Sieben Tage nach dem verheerenden Feuer, welches das Kinderkarussell im Schlossgarten von Königsbrunn in Schutt und Asche gelegt hatte, durch dem nicht nur der langersehnte Traum des Besitzers, der dieses Karussell seit vielen Jahren restaurierte, zerstört wurde, brachen erneut die ersten Sonnenstrahlen des jungen Morgens durch die Dachluke in dessen Schlafzimmer ein. Christians Augen blieben noch verschlossen. Sie wehrten sich gegen diesen natürlichen Wecker. Seine Nase rümpfte sich, denn sie nahm ein gewohntes Aroma war, doch selbst das konnte ihn nicht dazu bewegen, sich schon für diesen Tag zu entscheiden, ganz anders dagegen seine Hand. Sie wanderte nun durch das Bett, konnte aber nicht das finden, was sie suchte. Auch hörte Christian das leise, mittlerweile gewohnte Atmen von seinem neuen Freund nicht. Dieses führte nun unweigerlich dazu, dass Christian doch seine Augen aufschlug, um sich ein genaues Bild zu machen.

„Pierre?“ fragte er suchend in den Raum. Doch von dem jungen Mann fehlte fast jede Spur. Nur das gutriechende Aroma gab Christian einen Tipp, wo der junge Mann zu suchen war. Christians Augen wanderten inzwischen zur anderen Seite des Bettes, wo er auf dem Radiowecker eindeutig 5 Uhr 32 ablesen konnte. Tatsächlich war es schon 38, denn der Wecker war immer schon sechs Minuten zu spät eingestellt. Warum auch immer? Christian hatte sich in den wenigen Tagen, die er nun seit der Trennung von Olli bei Pierre wohnte, mittlerweile daran gewöhnt und addierte die sechs Minuten dazu, doch das machte es nicht besser. Es war definitiv zu früh für ihn. Nach dem Zusammenrechnen drückte der Boxer sein Gesicht nochmals fest in das Kissen, allerdings wollte er dann doch lieber nachsehen, was los war. Es half nichts, also raus aus dem Bett. Auf dem Sessel in der Ecke lag sein Shirt bereit, dass er sich über seinen nackten Oberkörper streifte, ehe er dem Aroma folgte.

In der Küche brannte Licht und der frische Kaffeeduft war unverkennbar, jedoch war Pierre auch hier nicht zu sehen. Christian nahm aber wahr, dass er die Küche in einen ganz anderen Zustand vorfand, als sie am gestrigen Abend noch vor dem Zubettgehen aussah. Selbst das Geschirr vom aufwendigen Abendbrot, was in die Spüle für den nächsten Tag abgelegt wurde, war verschwunden. Die ganze Küche blitzte, und das kann nicht nur in zehn Minuten passiert sein. Christian ahnte, wer die Nacht zum Tag gemacht hatte. Jedenfalls war der Kaffee durch, und darum wollte Christian zumindest den Job des Kellners übernehmen. Er holte zwei Kaffeebecher aus dem Schrank, die er im noch nicht ganz wachen Zustand füllte. Das gleich einige Tropfen daneben schwappten und die Küchenanrichte erneut in Mitleidenschaft zogen, ließ sich nicht verhindern. Schnell weggewischt und dann raus mit der Lieferung in die Werkstatthalle, denn Christian vermutete ganz stark, dass sich Pierre dort aufhalten würde.

Doch soweit kam Christian nicht, denn als er die Küche verlassen wollte, schaute er auf den Esstisch und entdeckte dort eine Pillendose. Die Farbe, Form und Aufschrift dieser Verpackung kannte Christian genau, denn sie hatten sich unweigerlich in seinen Kopf eingebrannt, nachdem er erfahren hatte und sich damit auseinandersetzen musste, dass der Mann, in den er sich verliebt hatte, seit Jahren den HIV –Virus in sich trug. Christian stellte einen der Becher ab, nahm die Dose dieser Proteasehemmer in seine Hand, wobei er feststellte, dass sie leer war. Ein ungutes Gefühl durchdrang den jungen Mann, den es jetzt erst recht zu Pierre zog. Er griff sich wieder den Kaffee und machte sich auf in die Halle, wo er den Mann, der sein ganzes Leben, welches er mit Olli geführt hatte, auf dem Kopf stellte, zu finden glaubte. Lange hatte Christian mit sich und seinen Gefühlen gekämpft, wollte Olli und dessen Sohn Noah einfach nicht aufgeben, wollte an ihnen festhalten. Doch diesen Kampf hatte Christian letztendlich verloren, dafür aber Pierre gewonnen.

Auch Olli hatte sich innerhalb dieser sieben Tage einigermaßen, so gut es eben ging, damit abgefunden, dass alles, was zwischen ihm und Christian war, nie wieder so sein würde. Nach der Trennung galt es auch für ihn nach vorne zu sehen und die Schmerzen, die er erfahren musste, allmählich zu verdrängen. Ihm war schon klar, dass es eine gemeinsame Zukunft mit Christian nicht mehr geben würde, denn drei Eheringe auf einem Finger, das wirkte nun völlig albern, und für das Guinness – Buch wäre das Ziel dieses angestrebten Rekordes doch schon eher fragwürdig.

Olli war schon erleichtert, dass die viele Arbeit ihn momentan ablenkte, ihm nicht nur ein Kopfkino bescherte, wie Christian mit Pierre rummachen würde. Doch Christian so einfach aus seinem Kopf zu bekommen, das war einfacher als gesagt. Auch jetzt nicht, als Olli frühmorgens die Chance nutzte, vor dem eigentlichen Tagesablauf, der an der Westküste von Marokko mit Shootings für Cara Donna eng gestrickt war, am einsamen Strand zu joggen. Das Wellenrauschen, die klare Luft, das Leuchten der aufgehenden Sonne, alles sollte ihm helfen, sich von dem zu befreien, was ihm wehtat.

Seine Schuhe trugen ihn durch den endlosen Sand, als er den Puls der Zeit wahrnahm, der immer störte, wenn man ihn eigentlich nicht wollte. Olli zog das Handy aus seiner Hosentasche, dachte aber nicht daran mit den befreienden Laufen aufzuhören. Ein kurzer Blick aufs Display verleitete ihn zu der Frage, ob er sich melden sollte oder nicht, aber der Gedanke an seinen Sohn schaffte rasch eine Entscheidung: „Mama, warum schläfst du nicht mehr? Ist etwas mit Noah? - - - - - Dann ist ja gut! - - - - - Doch, ich weiß doch, dass dein Enkel bei dir in den besten Händen ist. Morgen bin ich ja auch wieder da. Heute noch ein paar Shootings, und morgen Vormittag noch eine Präsentation bei einem Modemogul in München. - - - - - Nein Mama, ich überarbeitete mich nicht. Kennst du nicht die Vorurteile, die über Models kursieren? Nur schön aussehen und blöde in die Kamera grinsen. Und das kann ich - - - - - Ich bin vorsichtig, versprochen! - - - - - Warum soll ich mich in München mit Lars treffen? Er braucht mir keine Tipps für die Scheidung zu geben. Halte dich da bitte endlich raus, Mama. Wow, das nenne ich mal eine Begegnung der perfekten Art.“

Olli senkte das Handy ein wenig von seinem Ohr ab, da er nicht schlecht staunte, als in dieser Einsamkeit am Strand sich doch tatsächlich das Meer auftat und ein völlig nackter, gut gebauter Mann, mit mittelblonden gewelltem nassen Haar, aus den Wellen stieg, den Olli beim ersten Anblick auf etwa Mitte Dreizig schätzte. Doch was interessierte in so einer Situation das tatsächliche Alter?

Der Mann wischte sich noch das Wasser aus dem Gesicht, wobei er sich mit dessen Händen auch durch das gewellte mittelblonde Haar fuhr, und kam Schritt für Schritt näher ans Festland. Irgendwie dachte Olli bei dieser Szenerie an eine Werbung für ein angesagtes Männerparfum oder ein erfrischendes Duschgel. Seine Faszination verdonnerte Olli zu einem absoluten Stopp seiner sportlichen Betätigung. Zwar wurde Oliver bewusst, dass sein starrer Blick auf den an den Strand gespülten Adonis vollkommen billig wirken musste, doch für ein Ausweichen war es zu spät. Der Mann hatte Olli ebenfalls wahrgenommen und dachte gar nicht daran, wieder abzutauchen.

Eine entfernte Stimme unterbrach Ollis aufkommende gute Stimmung, wobei Olli bewusst wurde, dass diese Stimme aus seinem Handy kam und zu seiner Mutter gehörte, die es jetzt dringendst abzuwürgen galt: „Du Mama, ich melde mich später noch mal, okay? Ich muss Schluss machen. Hier rauscht gerade ein Tsunami an den Strand. Gib Noah einen lieben Kuss von mir.“

Nachdem Olli alle Verbindungen nach Deutschland kappte, konzentrierte er sich wieder auf das angeschwemmte Strandgut, was bereits unmittelbar vor ihm stand. Das sympathische Lächeln des Mannes umspülte Ollis Herz und verschaffte ihm endlich einen Freiraum, der Olli von anderen Gedanken befreite. Der Blick in die wunderschönen warmen braunen Augen des Fremden zauberte nun endlich auch ein Lächeln auf Ollis Mund, bevor der Traumprinz seine Lippen öffnete, dann seinen Blick nach unten senkte und Olli in einem ungewöhnlichem, aber angenehmen Akzent darauf hinwies: „Verzeihung, aber sie stehen auf meinem Handtuch!“
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